Tag X: Vom Verzicht auf Nikotin, Koffein, Fleisch und den inneren Ballast
Es gibt Momente im Leben, da ist der Schrank nicht mehr nur voll – er quillt über. In den Regalen stapeln sich Dinge, die man „irgendwann noch brauchen könnte“, und im Kopf laufen dieselben Routinen in einer Endlosschleife. Irgendwann wird einem klar: Wer von allem zu viel hat, verliert das Wesentliche aus den Augen.
Am 6. September 2026 habe ich beschlossen, die Reset-Taste zu drücken. Kein langes Abwägen mehr, kein Verhandeln. Tag X. Der Startpunkt: 96 Kilo (15 zuviel), 67 Jahre Lebenserfahrung, 20 bis 25 Zigaretten am Tag, 10 bis 15 Nespresso, fast jeden zweiten Tag Fleisch auf dem Teller und der feste Vorsatz, den Körper vom Dauerdruck zu befreien – radikal weniger Kaffee, null Tabak und ein bewusster Blick auf das, was auf den Teller kommt.
Büro, Wohn- und Schlafzimmer überall sind Dinge die ich nicht mehr brauche, oder Doch? Die zu engen Hosen und Hemden kann man doch nicht weg geben, man könnte doch mal wieder Abnehmen. Die vielen Dinge die ich behalten habe, weil ich glaubte nach der Pension wieder mehr Basteln zu können. Schubladen und Schachteln voll.
Weg geben, verkaufen, verschenken oder ins Broki damit?
Alles auf einen Anhänger und dann ab in die Entsorgung. Warum? Verkaufen und Verschenken haben den grossen Nachteil, dass man alle Dinge zuerst mal auf die Seite legt, sortiert nach; das kommt noch Online, das könnte ich XY schenken. Noch schlimmer für mich der Haufen, das bringe ich in das Broki. Ab diesem kann man sofort wieder alles weg nehmen und wieder einordnen. Also für mich leider der einzige Weg alles weg auf einen Anhänger weit weg vom Haus. Ich beginne mal langsam mit Büro, Schlafzimmer und Wohnzimmer.
Gleichzeitig der Abbau meiner Sucht. Ich kaufe nach 47 Jahren keine Zigis mehr und so war am Montag schluss damit. Gleichzeitig etwas weniger Café, ich glaubte das Hilft, die Sucht nach Zigis zu bremsen. Den diese beiden gehören oft zusammen. Der Garten bringt jetzt viel Gemüse, Tomaten, Gurken, Trauben, Himbeeren und so weiter. Also etwas gesünder essen. Boha. Ich finde noch eine Schachtel Zigi mit 2 Stück drin. Schmecken scheusslich da schon lange in der Schublade. Die können weg und ich bin extrem Stolz. Mittag um 15 Uhr und ich bin erst bei der zweiten Tasse Café. Boha ich bin gut.
Das biologische Wunder nach 48 Stunden: Wenn die Welt plötzlich schärfer wird
Die erste spürbare Veränderung traf mich völlig unvorbereitet bereits am zweiten Tag: Ich ging nach draussen und hatte das deutliche Gefühl, besser, schärfer und kontrastreicher zu sehen. Farben wirkten lebendiger, die Konturen der Berge und Bäume präziser. Was man leicht für Einbildung halten könnte, ist in Wahrheit pure, faszinierende Physiologie.
Wer raucht, inhaliert permanent Kohlenmonoxid. Dieses Gas bindet sich rund 250-mal aggressiver an die roten Blutkörperchen als Sauerstoff und blockiert den lebenswichtigen Transport. Die feinsten Haargefässe des Körpers – die Mikrozirkulation in der Netzhaut des Auges und im Sehzentrum des Gehirns – leiden unter chronischem Sauerstoffmangel. Fällt die ständige Zufuhr an Kohlenmonoxid weg, sinkt der Spiegel innerhalb weniger Stunden. Das Hämoglobin transportiert schlagartig wieder die volle Ladung Sauerstoff, die Gefässe entspannen sich, und das Gewebe atmet auf. Dieser Moment, in dem der sprichwörtliche Schleier von den Augen fällt, ist die erste greifbare Quittung dafür, wie unglaublich anpassungsfähig und dankbar der Körper selbst nach Jahrzehnten ist.
Mein kleines Häuschen hat ebenfalls Gewicht verloren, ich selber 4 Kilo. 3 x 110 und 5 x 60 Liter Säcke gingen hinaus in die grosse Welt der Verbrennung. 4 Grosse Kleidersäcke mit den noch brauchbaren Kleidern gingen in die Sammelstelle. Ich rede mir fest ein, kein schlechtes Gewissen zu haben, den meine Lieblings-Broki in Spiez nimmt keine Hosen und Leibchen mehr. Unsere Gemeinde machte gerade Gestern eine Sammlung für Elektroabfall und Chemikalien. Auch da haben meine alten Dinge einen Platz gefunden.
Es läuft etwas.
Der Brummschädel um 03:00 Uhr: Das Gefässsystem lernt neu
Seit dreissig Jahren beginnt mein Tag zwischen zwei und drei Uhr morgens. Das ist keine Schlafstörung, sondern mein ganz normaler Biorhythmus. Wenn dann aber am frühen Morgen der Kopf dumpf pocht, meldet sich eine andere Baustelle: die radikale Kaffeereduktion von bisher 10 bis 15 Tassen auf gerade einmal zwei bis drei Nespresso.
Koffein verengt die Blutgefässe im Gehirn künstlich. Entzieht man dem Körper diese Dauerpeitsche fast von jetzt auf gleich, passiert genau das Gegenteil: Die Gefässe weiten sich massiv, das Blut pulsiert mit voller Kraft durch den Kopf – der klassische Gefässweitungs-Kopfschmerz. Ein Glas zimmertemperiertes Wasser und eine Tasse am Morgen fangen den Druck ab, doch die eigentliche Botschaft des Körpers ist eindeutig: Er kalibriert sich neu. Und er belohnt die Umstellung sofort: Der Ruhepuls pendelt sich stabil zwischen 58 und 62 Schlägen pro Minute ein. Das Herz schlägt ruhig, gleichmässig und ohne künstlichen Adrenalinstoss.
Der Stolperstein in der Waschküche und der Chemie-Schock
Wer behauptet, ein solcher Weg verlaufe schnurgerade, lügt sich in die Tasche. Am zweiten Tag stolperte ich in der Waschküche über eine vergessene Packung Zigaretten. Der Reflex war schneller als der Verstand: eine angezündet, kurz geraucht – und die Quittung folgte postwendend nach wenigen Zügen mit einem massiven Schwindelgefühl.
Biochemisch ist das der Beweis, dass der Entzug bereits begonnen hatte. Nach mehr als zwölf Stunden Pause waren die Nikotinrezeptoren im Gehirn wieder sensibel geworden. Der plötzliche Giftstoss jagte Adrenalin durch die Adern, die frisch geweiteten Gefässe krampften sich blitzartig zusammen, und der Blutdruck schoss in die Höhe. Der Körper verweigerte das Gift regelrecht. Die verbliebenen Reste wurden sofort nass gemacht und unbrauchbar entsorgt. Ein Ausrutscher ist kein Scheitern, solange man ihn nüchtern analysiert: Es war kein bewusster Wunsch nach der Zigarette, sondern ein unbewusstes Ausführen eines alten Programms, weil etwas greifbar war. Wo nichts greifbar ist, verliert der innere Verhandlungsspielraum seine Macht.
Den Händen Arbeit geben
Der grösste Verbündete gegen das Aufflackern alter Gewohnheiten ist das handfeste Tun. Wer herumsitzt und sich beobachtet, verliert den Kampf gegen das limbische System im Gehirn, das nach Dopamin schreit. Elektroschrott zur Sammelstelle bringen, Ballast aus den Schuppen werfen, Erde im Garten umgraben, die Zebus auf eine neue Weide treiben: Wenn der Körper im Gelände gefordert ist und beide Hände gebraucht werden, schrumpft das Verlangen nach einer Zigarette zu einem unbedeutenden Hintergrundrauschen zusammen. Auch der Gedanken, dass im immer noch vorhandenen Haufen von Gegenständen die ich nicht brauche, zu wühlen um doch wieder etwas zurück zu legen, war bis jetzt nicht aufgekommen.
Tag X ist der Beginn einer Bereinigung – im Haus, im Schrank und in den eigenen Adern. Es ist die Entscheidung, dem Körper nicht länger im Weg zu stehen, sondern ihm einfach beim Heilen zuzuschauen. Ich hoffe ich bringe es weiter.
Tag 3: Warum? Der Geruchssinn wacht auf und der letzte Stolperstein
Heute Morgen, wie immer in den letzten 35 Jahren, um 3:00 Uhr aufgestanden – Routinearbeiten, Post und Mails. Dann der Gang in die Waschküche zur Wäsche. Und da lag sie: die Packung, von der ich glaubte, sie sei längst Geschichte. Sechs Stück waren noch drin. Jetzt sind es noch fünf.
Ich ärgere mich masslos über mich selbst. Warum? Weil sie geschmeckt hat – das Gehirn hat sofort wieder nach dem alten Muster gegriffen. Doch die körperliche Quittung liess keine Minute auf sich warten: ein erneuter Schwindel und ein deutliches, fast pelziges Kribbeln in den Händen und Füssen. Die Gefässe machen schlagartig dicht, das Adrenalin zieht das Blut aus den Fingern ab. Der Körper protestiert unmissverständlich gegen den Rückfall in alte Bahnen.
Gleichzeitig passiert etwas Faszinierendes: Meine Nase schlägt Alarm. Nach knapp 72 Stunden ohne Dauerrauch beginnen die Geruchsnerven zu regenerieren. Plötzlich nehme ich den Geruch von kaltem Tabak wahr, der sich über Monate in Arbeitshosen, Jacken und Taschen festgesetzt hat. Früher habe ich das nicht bemerkt – heute stört es mich gewaltig. Es riecht abgestanden und alt. Diese Hosen und Taschen gehören gründlich gewaschen, der Gestank muss raus aus meinem Alltag. Eigentlich stinkt das ganze Haus nach altem, abgestandenem Rauch, obwohl ich nie im Haus rauchte.
Auch die Waage zeigt nach gestern 92.1 heute wieder 93 Kilo. Gestern gab es noch BIO-Ravioli – man wirft schliesslich keine Lebensmittel weg. Aber Fertiggerichte sind Salzbomben: Der Körper speichert über Nacht sofort Wasser ein, um das Natrium auszugleichen. Abhaken, weitergehen, Wasser trinken.
Aufgeben ist keine Option. Heute ist keine Zeit für Selbstmitleid: Eine 13-köpfige Helfergruppe der UBS rückt an, um uns auf dem Hof beim Zäunen zu unterstützen. Das bedeutet vollen Einsatz im Gelände, Bewegung an der Bergluft und beide Hände an Pfählen und Litzen bis 17:00 Uhr.
05:45: Ich überlege mir gerade ob ich die Packung mit den verbleibenden 5 Zigis unter das Wasser lege und entsorge. Aber irgendetwas hält mich zurück. Ich lege sie mal wieder in die Schublade zu den Schrauben und Bohrern in der Waschküche, werde doch am Abend nicht wieder darauf zurück greifen. Oder?

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