{"id":10847,"date":"2026-09-10T03:50:08","date_gmt":"2026-09-10T02:50:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beluga59.ch\/belugablog\/?p=10847"},"modified":"2026-09-10T06:08:02","modified_gmt":"2026-09-10T05:08:02","slug":"tag-x-vom-verzicht-auf-nikotin-koffein-fleisch-und-den-inneren-ballast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beluga59.ch\/belugablog\/?p=10847","title":{"rendered":"Tag X: Vom Verzicht auf Nikotin, Koffein, Fleisch und den inneren Ballast"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Momente im Leben, da ist der Schrank nicht mehr nur voll \u2013 er quillt \u00fcber. In den Regalen stapeln sich Dinge, die man \u201eirgendwann noch brauchen k\u00f6nnte\u201c, und im Kopf laufen dieselben Routinen in einer Endlosschleife. Irgendwann wird einem klar: Wer von allem zu viel hat, verliert das Wesentliche aus den Augen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 6. September 2026 habe ich beschlossen, die Reset-Taste zu dr\u00fccken. Kein langes Abw\u00e4gen mehr, kein Verhandeln. <strong>Tag X.<\/strong> Der Startpunkt: 96 Kilo (15 zuviel), 67 Jahre Lebenserfahrung, 20 bis 25 Zigaretten am Tag, 10 bis 15 Nespresso, fast jeden zweiten Tag Fleisch auf dem Teller und der feste Vorsatz, den K\u00f6rper vom Dauerdruck zu befreien \u2013 radikal weniger Kaffee, null Tabak und ein bewusster Blick auf das, was auf den Teller kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">B\u00fcro, Wohn- und Schlafzimmer \u00fcberall sind Dinge die ich nicht mehr brauche, oder Doch? Die zu engen Hosen und Hemden kann man doch nicht weg geben, man k\u00f6nnte doch mal wieder Abnehmen. Die vielen Dinge die ich behalten habe, weil ich glaubte nach der Pension wieder mehr Basteln zu k\u00f6nnen. Schubladen und Schachteln voll. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-cyan-blue-background-color has-background wp-block-paragraph\">Weg geben, verkaufen, verschenken oder ins Broki damit? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles auf einen Anh\u00e4nger und dann ab in die Entsorgung. Warum? Verkaufen und Verschenken haben den grossen Nachteil, dass man alle Dinge zuerst mal auf die Seite legt, sortiert nach; das kommt noch Online, das k\u00f6nnte ich XY schenken. Noch schlimmer f\u00fcr mich der Haufen, das bringe ich in das Broki.  Ab diesem kann man sofort wieder alles weg nehmen und wieder einordnen. Also f\u00fcr mich leider der einzige Weg alles weg auf einen Anh\u00e4nger weit weg vom Haus. Ich beginne mal langsam mit B\u00fcro, Schlafzimmer und Wohnzimmer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig der Abbau meiner Sucht. Ich kaufe nach 47 Jahren keine Zigis mehr und so war am Montag schluss damit.  Gleichzeitig etwas weniger Caf\u00e9, ich glaubte das Hilft, die Sucht nach Zigis zu bremsen. Den diese beiden geh\u00f6ren oft zusammen. Der Garten bringt jetzt viel Gem\u00fcse, Tomaten, Gurken, Trauben, Himbeeren und so weiter. Also etwas ges\u00fcnder essen. Boha. Ich finde noch eine Schachtel Zigi mit 2 St\u00fcck drin. Schmecken scheusslich da schon lange in der Schublade. Die k\u00f6nnen weg und ich bin extrem Stolz. Mittag um 15 Uhr und ich bin erst bei der zweiten Tasse Caf\u00e9. Boha ich bin gut. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-cyan-blue-background-color has-background wp-block-paragraph\">Das biologische Wunder nach 48 Stunden: Wenn die Welt pl\u00f6tzlich sch\u00e4rfer wird<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste sp\u00fcrbare Ver\u00e4nderung traf mich v\u00f6llig unvorbereitet bereits am zweiten Tag: Ich ging nach draussen und hatte das <strong>deutliche Gef\u00fchl<\/strong>, besser, sch\u00e4rfer und kontrastreicher zu sehen. Farben wirkten lebendiger, die Konturen der Berge und B\u00e4ume pr\u00e4ziser. Was man leicht f\u00fcr Einbildung halten k\u00f6nnte, ist in Wahrheit pure, faszinierende Physiologie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer raucht, inhaliert permanent Kohlenmonoxid. Dieses Gas bindet sich rund 250-mal aggressiver an die roten Blutk\u00f6rperchen als Sauerstoff und blockiert den lebenswichtigen Transport. Die feinsten Haargef\u00e4sse des K\u00f6rpers \u2013 die Mikrozirkulation in der Netzhaut des Auges und im Sehzentrum des Gehirns \u2013 leiden unter chronischem Sauerstoffmangel. F\u00e4llt die st\u00e4ndige Zufuhr an Kohlenmonoxid weg, sinkt der Spiegel innerhalb weniger Stunden. Das H\u00e4moglobin transportiert schlagartig wieder die volle Ladung Sauerstoff, die Gef\u00e4sse entspannen sich, und das Gewebe atmet auf. Dieser Moment, in dem der sprichw\u00f6rtliche Schleier von den Augen f\u00e4llt, ist die erste greifbare Quittung daf\u00fcr, wie unglaublich anpassungsf\u00e4hig und dankbar der K\u00f6rper selbst nach Jahrzehnten ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein kleines H\u00e4uschen hat ebenfalls Gewicht verloren, ich selber 4 Kilo. 3 x 110 und 5 x 60 Liter S\u00e4cke gingen hinaus in die grosse Welt der Verbrennung. 4 Grosse Kleiders\u00e4cke mit den noch brauchbaren Kleidern gingen in die Sammelstelle. Ich rede mir fest ein, kein schlechtes Gewissen zu haben, den meine Lieblings-Broki in Spiez nimmt keine Hosen und Leibchen mehr. Unsere Gemeinde machte gerade Gestern eine Sammlung f\u00fcr Elektroabfall und Chemikalien. Auch da haben meine alten Dinge einen Platz gefunden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es l\u00e4uft etwas. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-cyan-blue-background-color has-background wp-block-paragraph\">Der Brummsch\u00e4del um 03:00 Uhr: Das Gef\u00e4sssystem lernt neu<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit dreissig Jahren beginnt mein Tag zwischen zwei und drei Uhr morgens. Das ist keine Schlafst\u00f6rung, sondern mein ganz normaler Biorhythmus. Wenn dann aber am fr\u00fchen Morgen der Kopf dumpf pocht, meldet sich eine andere Baustelle: die radikale Kaffeereduktion von bisher 10 bis 15 Tassen auf gerade einmal zwei bis drei Nespresso.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Koffein verengt die Blutgef\u00e4sse im Gehirn k\u00fcnstlich. Entzieht man dem K\u00f6rper diese Dauerpeitsche fast von jetzt auf gleich, passiert genau das Gegenteil: Die Gef\u00e4sse weiten sich massiv, das Blut pulsiert mit voller Kraft durch den Kopf \u2013 der klassische Gef\u00e4ssweitungs-Kopfschmerz. Ein Glas zimmertemperiertes Wasser und eine Tasse am Morgen fangen den Druck ab, doch die eigentliche Botschaft des K\u00f6rpers ist eindeutig: Er kalibriert sich neu. Und er belohnt die Umstellung sofort: Der Ruhepuls pendelt sich stabil zwischen 58 und 62 Schl\u00e4gen pro Minute ein. Das Herz schl\u00e4gt ruhig, gleichm\u00e4ssig und ohne k\u00fcnstlichen Adrenalinstoss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-cyan-blue-background-color has-background wp-block-paragraph\">Der Stolperstein in der Waschk\u00fcche und der Chemie-Schock<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer behauptet, ein solcher Weg verlaufe schnurgerade, l\u00fcgt sich in die Tasche. Am zweiten Tag stolperte ich in der Waschk\u00fcche \u00fcber eine vergessene Packung Zigaretten. Der Reflex war schneller als der Verstand: eine angez\u00fcndet, kurz geraucht \u2013 und die Quittung folgte postwendend nach wenigen Z\u00fcgen mit einem massiven Schwindelgef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Biochemisch ist das der Beweis, dass der Entzug bereits begonnen hatte. Nach mehr als zw\u00f6lf Stunden Pause waren die Nikotinrezeptoren im Gehirn wieder sensibel geworden. Der pl\u00f6tzliche Giftstoss jagte Adrenalin durch die Adern, die frisch geweiteten Gef\u00e4sse krampften sich blitzartig zusammen, und der Blutdruck schoss in die H\u00f6he. Der K\u00f6rper verweigerte das Gift regelrecht. Die verbliebenen Reste wurden sofort nass gemacht und unbrauchbar entsorgt. Ein Ausrutscher ist kein Scheitern, solange man ihn n\u00fcchtern analysiert: Es war kein bewusster Wunsch nach der Zigarette, sondern ein unbewusstes Ausf\u00fchren eines alten Programms, weil etwas greifbar war. Wo nichts greifbar ist, verliert der innere Verhandlungsspielraum seine Macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-cyan-blue-background-color has-background wp-block-paragraph\">Den H\u00e4nden Arbeit geben<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der gr\u00f6sste Verb\u00fcndete gegen das Aufflackern alter Gewohnheiten ist das handfeste Tun. Wer herumsitzt und sich beobachtet, verliert den Kampf gegen das limbische System im Gehirn, das nach Dopamin schreit. Elektroschrott zur Sammelstelle bringen, Ballast aus den Schuppen werfen, Erde im Garten umgraben, die Zebus auf eine neue Weide treiben: Wenn der K\u00f6rper im Gel\u00e4nde gefordert ist und beide H\u00e4nde gebraucht werden, schrumpft das Verlangen nach einer Zigarette zu einem unbedeutenden Hintergrundrauschen zusammen. Auch der Gedanken, dass im immer noch vorhandenen <strong><em>Haufen von Gegenst\u00e4nden die ich nicht brauche<\/em><\/strong>, zu w\u00fchlen um doch wieder etwas zur\u00fcck zu legen, war <strong>bis jetzt<\/strong> nicht aufgekommen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tag X ist der Beginn einer Bereinigung \u2013 im Haus, im Schrank und in den eigenen Adern. Es ist die Entscheidung, dem K\u00f6rper nicht l\u00e4nger im Weg zu stehen, sondern ihm einfach beim Heilen zuzuschauen. Ich hoffe ich bringe es weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-cyan-blue-background-color has-background wp-block-paragraph\">Tag 3: Warum? Der Geruchssinn wacht auf und der letzte Stolperstein<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute Morgen, wie immer in den letzten 35 Jahren, um 3:00 Uhr aufgestanden \u2013 Routinearbeiten, Post und Mails. Dann der Gang in die Waschk\u00fcche zur W\u00e4sche. Und da lag sie: die Packung, von der ich glaubte, sie sei l\u00e4ngst Geschichte. Sechs St\u00fcck waren noch drin. Jetzt sind es noch f\u00fcnf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich \u00e4rgere mich masslos \u00fcber mich selbst. Warum? Weil sie geschmeckt hat \u2013 das Gehirn hat sofort wieder nach dem alten Muster gegriffen. Doch die k\u00f6rperliche Quittung liess keine Minute auf sich warten: ein erneuter Schwindel und ein deutliches, fast pelziges Kribbeln in den H\u00e4nden und F\u00fcssen. Die Gef\u00e4sse machen schlagartig dicht, das Adrenalin zieht das Blut aus den Fingern ab. Der K\u00f6rper protestiert unmissverst\u00e4ndlich gegen den R\u00fcckfall in alte Bahnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig passiert etwas Faszinierendes: Meine Nase schl\u00e4gt Alarm. Nach knapp 72 Stunden ohne Dauerrauch beginnen die Geruchsnerven zu regenerieren. Pl\u00f6tzlich nehme ich den Geruch von kaltem Tabak wahr, der sich \u00fcber Monate in Arbeitshosen, Jacken und Taschen festgesetzt hat. Fr\u00fcher habe ich das nicht bemerkt \u2013 heute st\u00f6rt es mich gewaltig. Es riecht abgestanden und alt. Diese Hosen und Taschen geh\u00f6ren gr\u00fcndlich gewaschen, der Gestank muss raus aus meinem Alltag. Eigentlich stinkt das ganze Haus nach altem, abgestandenem Rauch, obwohl ich nie im Haus rauchte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Waage zeigt nach gestern 92.1 heute wieder 93 Kilo. Gestern gab es noch BIO-Ravioli \u2013 man wirft schliesslich keine Lebensmittel weg. Aber Fertiggerichte sind Salzbomben: Der K\u00f6rper speichert \u00fcber Nacht sofort Wasser ein, um das Natrium auszugleichen. Abhaken, weitergehen, Wasser trinken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgeben ist keine Option. Heute ist keine Zeit f\u00fcr Selbstmitleid: Eine 13-k\u00f6pfige Helfergruppe der UBS r\u00fcckt an, um uns auf dem Hof beim Z\u00e4unen zu unterst\u00fctzen. Das bedeutet vollen Einsatz im Gel\u00e4nde, Bewegung an der Bergluft und beide H\u00e4nde an Pf\u00e4hlen und Litzen bis 17:00 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">05:45: Ich \u00fcberlege mir gerade ob ich die Packung mit den verbleibenden 5 Zigis unter das Wasser lege und entsorge. Aber <strong>irgendetwas <\/strong>h\u00e4lt mich zur\u00fcck. Ich lege sie mal wieder in die Schublade zu den Schrauben und Bohrern in der Waschk\u00fcche, werde doch am Abend nicht wieder darauf zur\u00fcck greifen. Oder?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Momente im Leben, da ist der Schrank nicht mehr nur voll \u2013 er quillt \u00fcber. 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